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Notfallmedizin Militär Sicherheitskräfte Fachbuch

Notfallmedizin für Militär und Sicherheitskräfte

 

Deeskalationskurs für Retter

Notärzte zwischen Hilfe und Gewalt

Von Katharina Wiechers

Wenn Notärzte und Rettungskräfte zu einem Einsatz kommen, ist die Stimmung oft angespannt. Bevor sie helfen können, drohen Situationen immer öfter in Gewalt zu eskalieren. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt und das sollen die Retter nun in Kursen lernen. 

 Wenn Sanitäter zum Einsatz kommen, ist das Aggressionspotenzial oft hoch. Deshalb werden nun Deeskalationskurse für die Rettungskräfte angeboten. 

Ein Mann ruft den Krankenwagen, seine Tochter ist schwer verletzt. Ungeduldig wartet er auf die Helfer, die in seinen Augen viel zu spät in der Wohnung eintreffen. Als sie dann endlich da sind, wird er ungehalten und beschimpft die Sanitäter und den Notarzt.

«In solchen Situationen müssen Rettungskräfte lernen, professionell zu reagieren», sagt Martin von der Heyden. Der Arzt an der Universitätsklinik Greifswald fährt seit zehn Jahren im Notfallwagen mit und hat schon oft erlebt, wie sich derartige Situationen hochschaukeln und sogar zu körperlicher Gewalt führen können. Deshalb bietet er ab Oktober 2009 in Kooperation mit anderen Ärzten, Psychologen, Juristen und Polizisten einen Deeskalations-Workshop für Rettungsdienstmitarbeiter an.

Zwar gebe es schon lange Selbstverteidigungskurse für diese Berufsgruppe, räumt von der Heyden ein. Seiner Ansicht nach sind diese jedoch wenig hilfreich: «Nach 16 Einheiten kann man vielleicht eine Hausfrau überwältigen, aber im schlimmsten Fall keinen Straßenschläger», sagt der 38-Jährige. Doch gerade bei größeren Menschenaufläufen wie bei Fußballspielen oder Protestveranstaltungen oder wenn Alkohol mit im Spiel sei, wie etwa häufig bei Besuchern einer Diskothek, könne das Aggressivitätspotenzial schnell ansteigen. Er will seinen Kollegen beibringen, wie sie sich beim Einsatz verhalten sollen, um eine Gewalteskalation zu verhindern.

Körperhaltung und Tabu-Wörter

«Das fängt schon an der Haustür an», sagt der Notarzt. Bislang stürmten die meisten Rettungsdienstmitarbeiter ungefragt in die Wohnung, das könne aber die Privatsphäre verletzen. Besser sei es, an der Tür zu fragen, ob man eintreten dürfe. Außerdem gebe es bestimmte Körperhaltungen und eine Gestik, die beruhigend wirken könnten, aber auch dem Schutz des Sanitäters dienten. «Faustregel ist, immer eine Armlänge Abstand zu halten», sagt von der Heyden. Außerdem sollte immer versucht werden, «L-förmig», also im rechten Winkel zu seinem Gesprächspartner zu stehen, um bei einem Übergriff schneller reagieren zu können.

Bestimmte Wörter seien ebenfalls tabu, sagt er. Das habe er von Polizisten gelernt, die schon seit Jahren Deeskalationstrainings absolvieren müssen. Zu den sogenannten Ohrfeigen-Wörtern gehörten beispielsweise alle Substantive mit der Endung «-ant», zum Beispiel «Simulant». Ihr negativer und abwertender Klang könne dazu führen, dass sich die Situation unnötig aufheize, sagt von der Heyden.

Anlass für dieses Projekt waren zunehmende Übergriffe auf Sanitäter und Notärzte. «Jeder, der in diesem Bereich arbeitet, kann das bestätigen», sagt er. Wie schon seit längerem gegenüber der Polizei sei nun auch der Respekt gegenüber den Rettungsdienstmitarbeitern gesunken, beklagt er. «Wir in den roten Jacken waren eigentlich immer die ‹Guten›», sagt der Notarzt. Jetzt habe auch ihnen gegenüber die Gewaltbereitschaft zugenommen.

Erste Studie zu Gewalt gegen Rettungskräfte

Dass Rettungsdienstmitarbeiter häufig zu Opfern werden, bestätigt auch Marian Lenk. Er hat an der Fachhochschule Neubrandenburg zu dem Thema eine Studie erstellt - seinen Angaben zufolge die erste, die dieses Phänomen überhaupt wissenschaftlich untersucht. Lenk fand heraus, dass zwei Drittel der Befragten im Jahr 2007 während ihres Dienstes mindestens einmal angegriffen wurden. In 80 Prozent der Fälle habe es sich zwar «nur» um verbale Gewalt gehandelt, in einem Fünftel der Vorfälle kam es jedoch zum tätlichen Übergriff.

Meist fanden diese Angriffe in den Abendstunden und überwiegend in den Wohnungen der Patienten statt, sagt Lenk. In drei Prozent der Fälle sei Waffengewalt angedroht worden, zu einem Angriff mit einer Waffe sei es aber nicht gekommen. Ob die Gewalt in den vergangenen Jahren tatsächlich zugenommen hat - da ist sich Lenk nicht sicher. Dazu bedürfe es einer größer angelegten Studie. Die «verbale Verrohung» sei aber gestiegen.

Das ist auch der Eindruck von der Heydens. Die Leute würden immer fordernder. Manche wollten, dass alles sofort und auf der Stelle geschehe, «wie im Fernsehen», sagt er. Deshalb sei es umso wichtiger, dass Mitarbeiter hier für den richtigen Umgang mit solchen Menschen geschult würden. Zwei Tage lang soll der Deeskalationskurs jeweils dauern, geübt wird mit Rollenspielen. «Die richtige Aufklärung kann hier besser helfen als eine kugelsichere Weste», sagt der Notarzt.


kat/bla/news.de/ddp 30.09.2009

 

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